Schwer erarbeitet habe ich mir das Mitleid auf der großen Runde in Frankfurt. Die Endzeit von 3:00:50 lädt zu einem mitfühlenden Kommentar ein. Dass die Endzeit gar nicht
soo schlecht ist, fällt den meisten erst nach kurzen Nachdenken ein. In der Tat habe ich mein Ziel um eine glatte Minute verfehlt, es wäre albern, irgendetwas anderes zu behaupten, aber das ist beim
Marathon nichts ungewöhnliches. In der ersten Hälfte
dümpelte der Lauf so vor mich hin, ich lief meistens 50 bis hundert Meter vor der 3 Stunden-Tempo-Gruppe, der Gruppe war es mir zu eng. Meine Vereinskollegin Andrea lief nie weit von mir entfernt. Wie üblich war es die
Mainzer Straße, die meinen Zielen den Garaus machte. Auf der langen Geraden von Höchst zurück in die Innenstadt verlor ich einige Zeit. Bei km 32 oder 33 kamen die
Jungs mit den Luftballons an mir vorbei, die Gruppe war schon deutlich kleiner, und ich verspürte nicht die Kraft sie wieder zu vergrößern. Die Power kam erst wieder

zurück, als mir bei km 37 die Läufer und -innen entgegenkamen, die schon kurz vor dem Ziel waren. Obwohl ich mir sogar einen kleinen Cola-Stopp gönnte, habe ich noch reichlich
Leute eingesammelt. Auf den letzten Kilometern hielt ich mich an einen Staffelläufer, der durchs Feld
pflügte, bis dieser von seinen 3 Kollegen in Empfang genommen wurde und noch einmal schneller wurde. Der Zieleinlauf in der Festhalle ist einfach nur stark. Durch die Tribünen, über den roten Teppich, im Zielbogen überträgt sich die Superstimmung auf jeden Läufer, der das Ziel erreicht. Leider habe ich auch die "Kalauer-Zeit" von 2:59:99 nicht erreicht. Das tut mir fast mehr
Leid, als die verpassten 3 Stunden. Aber auch diese Enttäuschung ist nach zwei
Schöfferhofer schnell verarbeitet. Auf dem Weg zur S-Bahn kommen mir etliche wirklich enttäuschte Läufer entgegen, die Startnummer abgenommen. Mein Freund Jörg war nach einem Wasserrutschen-Unfall gar nicht am Start. Also, es gibt bessere Ziel für's Mitleid als ausgerechnet mich.
Wer
übrigens meint
Marathon-Läufer würden immer älter, hat recht: Im Starter-
Beutel fand ich eine Flasche Mundwasser, "besonders geeignet für dritte Zähne", und man soll nicht glauben
Procter und
Gamble würde Zielgruppen nicht analysieren. (M+U 89)